Carl Christian Snethlage
Pfarrkirche "Herz Jesu" - Ludwigsthal
Betritt man die Kirche, so ist der erste Eindruck ein finsterer Raum. Wenn sich die Augen aber an die Dunkelheit gewöhnt haben, eröffnet sich im Dämmerlicht eine Bilderwelt, die man in einer Kirche des Bayerischen Waldes nicht erwarten würde. Kommend aus der Welt tritt man ein in einen Raum, der einem Geborgenheit und Sicherheit geben soll.
Es eröffnet sich ein Bauwerk, in dem der Mensch betrachtend und staunend Bilder des Glaubens sieht und so Gott begegnet, ein Ort zum Stillwerden und zum Meditieren, ein Ort des Gebets, der einem wieder entlässt, um gestärkt die Herausforderungen des Alltags zu bestehen.
Ein erster Überblick
Der Innenraum ist völlig ausgemalt, es gibt keinen Fleck, der nicht durch Bilder, Ornamente oder Farbe ausgefüllt ist. So wirkt der Kirchenraum fremd und zugleich faszinierend, in seiner Art ungewöhnlich und einzigartig, in der Reichhaltigkeit der Bilder und in der Vielfalt der Ornamente verwirrend und ebenso anziehend. Es ist fast nicht möglich alle Bilder und Darstellungen in ihren sämtlichen Einzelheiten wahrzunehmen. Es bleibt der großartige Eindruck dieses fast unerschöpflichen Angebots der Bilderwelt.
Die Reichhaltigkeit der biblischen Bilder, der Heiligen und der Symbole ist zugleich beeindruckend wie auch verwirrend, gehorcht aber einem durchdachten System:
- Alles in der Kirche läuft hin auf das ewige Heil, für das Gott den Menschen haben will. Dargestellt wird es vom Christus auf dem Hochaltar, der mit seinen ausgebreiteten Armen die Menschen empfangen will.
- In den Deckengemälden werden im Chor die acht Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt, im Langhaus die je sieben geistigen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit durch Bilder aus dem biblischen Heilsgeschehen des Neuen und Alten Testaments illustriert. Beide – Seligpreisungen und Werke – weisen dem Menschen den Weg zur Erlösung.
- Diese durch Jesus Christus und Menschen der alt- und neutestamentlichen Heilsgeschichte vorgegebene Wegweisung zum ewigen Heil wird auf dieser Welt getragen durch das Geschehen des Glaubens, vornehmlich durch die Heiligen (Maria, Apostel, Evangelisten, Kirchenlehrer, Heilige der Heimat u. a. sowie Propheten). Sie aber treten zurück an die Seite, unter die Gewölbe, um dieses große Geschehen des Heiles und der Erlösung in der diesseitigen Welt gleichsam abzustützen.
Ein Blick ins Detail
Die Pfarrkirche Herz Jesu in Ludwigsthal wurde zwischen 1893 und 1895 nach den Plänen des Münchener Architekten Johann Baptist Schott errichtet. Sie ist ein bedeutendes Beispiel für den Kirchenbau des späten 19. Jahrhunderts, der historistische Stilformen mit neuen theologischen und künstlerischen Strömungen verband. Besonders bemerkenswert ist die durchdachte Verbindung von Architektur, Ausstattung und Bildprogramm, die ein theologisches Gesamtkonzept bildet.
Die Kirche folgt der neuromanischen Stilform, die damals als Ausdruck ursprünglicher und reiner Glaubenstraditionen geschätzt wurde. Die Innenausstattung zeigt jedoch deutliche Einflüsse des beginnenden Jugendstils und der byzantinischen Kunst. Diese Stilfusion ist besonders an den Ornamenten, den Wandmalereien und der Lichtführung ablesbar.
Der Hochaltar, entworfen von Franz Hofstötter aus München, ist in der Form eines Reliquienschreins gestaltet. Diese Gestaltung knüpft an die Herz-Jesu-Verehrung an, die im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewann. Das Herz Jesu wird in der katholischen Tradition als Symbol der göttlichen Liebe verstanden, das sich den Menschen im Opfer Christi in der Eucharistie offenbart. Ein Reliquienschrein dient als Aufbewahrungsort für die sterblichen Überreste von Heiligen und verweist auf das Heilgeschehen Christi. Der Hochaltar in Form eines Reliquienschreins stellt also eine theologische Verbindung zwischen der Herz-Jesu-Verehrung und der Eucharistie dar, die das endgültige Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen ist, die Jesus uns auf der Erde zurückgelassen hat.
Die Wandmalereien wurden zwischen 1895 und 1902 von Franz Hofstötter und dem Zürcher Künstler Eugen Hasenfratz ausgeführt. Ihr Bildprogramm wurde von Expositus Johann Baptist Wolfsgruber entwickelt und folgt einem klaren theologischen Konzept.
Im Altarraum sind die acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt dargestellt (Mt 5,3−10):
- 1. Selig, die arm sind vor Gott
- 2. Selig, die Trauernden
- 3. Selig, die Sanftmütigen
- 4. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit
- 5. Selig, die Barmherzigen
- 6. Selig, die reinen Herzens sind
- 7. Selig, die Frieden stiften
- 8. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen
Diese Darstellungen leiten den Blick vom Hochaltar in die himmlische Sphäre und verweisen auf die Verheißung der ewigen Glückseligkeit.
Das Kirchenschiff ist der Darstellung der sieben leiblichen und sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit gewidmet. Diese Werke entstammen biblischen und kirchlichen Traditionen und zeigen das christliche Handeln in der Welt: Zu den leibliche Werken der Barmherzigkeit (Mt 25,31−46) wird gezählt:
- 1. Hungrige speisen
- 2. Durstige tränken
- 3. Fremde beherbergen
- 4. Nackte kleiden
- 5. Kranke besuchen
- 6. Gefangene besuchen
- 7. Tote begraben
Carl Christian Snethlage
Als die Geistigen Werke der Barmherzigkeit hat man später ergänzt:
- 1. Unwissende lehren
- 2. Zweifelnde beraten
- 3. Trauernde trösten
- 4. Sünder zurechtweisen
- 5. Beleidigungen verzeihen
- 6. Lästige geduldig ertragen
- 7. Für Lebende und Tote beten
Die Anordnung dieser Darstellungen ist bewusst gewählt: Während die Seligpreisungen am Altarraum das zukünftige Heil symbolisieren, zeigen die Werke der Barmherzigkeit im Kirchenschiff das Handeln der Gläubigen in der Welt. Diese theologische Struktur spiegelt den Gedanken wider, dass das Leben nach den Geboten der Barmherzigkeit den Weg zur Seligkeit bereitet. Am Übergang zwischen irdischer und himmlischer Sphäre ist auf dem Chorbogen Mose als Symbol für das jüdische Gesetz — den Alten Bund — und Jesus als Symbol für den Neuen Bund Gottes mit den Menschen abgebildet.
Die Fenster wurden in der Münchener Werkstatt von Franz Xaver Zettler gefertigt. Sie illustrieren Szenen aus dem Leben Jesu, insbesondere solche, die seine barmherzige Liebe zeigen. Zudem finden sich Darstellungen von Heiligen, die für die Kirchengeschichte und die Region von Bedeutung sind.
Carl Christian Snethlage
Ein besonders hervorzuhebendes Element ist das große Wandbild „Jesus und die Kinder“ an der Chorwand. Es illustriert die Aufforderung Jesu: „Lasst die Kinder zu mir kommen“ (Mk 10,14) und unterstreicht das zentrale Motiv der Herz-Jesu-Verehrung – die liebevolle Zuwendung Gottes zu den Menschen.
Die Kirche integriert auch Elemente der lokalen Handwerkskunst. So sind Kieselsteine als Baumaterial verwendet, und die farbige Lichtgestaltung durch die Glasfenster verweist auf die Glasindustrie, die Ludwigsthal und die gesamte Region prägte. Diese bewusste Einbindung regionaler Materialien und Traditionen verbindet das Gotteshaus mit seiner Umgebung und den Menschen, die es errichteten und nutzen.
Die Pfarrkirche Herz Jesu in Ludwigsthal ist mehr als ein beeindruckendes Bauwerk. Ihre durchdachte Gestaltung verbindet Architektur, Bildkunst und Theologie zu einer Einheit. Der Hochaltar als Reliquienschrein verweist auf das Opfer Christi in der Eucharistie, die Wandmalereien und Glasfenster verknüpfen christliches Handeln mit der Verheißung des ewigen Lebens. Durch diese künstlerische und theologische Konzeption ist sie ein herausragendes Beispiel für die Verbindung von Kunst und Glauben im 19. Jahrhundert und die Kirche wird zurecht die Perle des Bistums Passau genannt.
Lit.: H. Wurster: 100 Jahre Pfarrei Ludwigsthal, Geschichte des Ortes und der Pfarrei, unveröff. Vortrag; G. Weiß / M. Prellinger: Ludwigsthal Pfarrkirche Herz Jesu, Lindberg ²2008.